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FIP – Eine paradoxe Infektionserkrankung


Autor: Michael Grimm (mini-FIP-FAQ@odo.in-berlin.de)
Version: 1.0.2
Letzte Revision: 05.05.2002
Originalfassung: http://www.odo.in-berlin.de/mini-FIP-FAQ.html

Copyright © 2002 by Michael Grimm


Dieser Text darf nur in unveränderter Form und nur mit diesem Verweis auf die Originalfassung http://www.odo.in-berlin.de/mini-FIP-FAQ.html für eigene Webseiten übernommen werden!


Dieser Text ist entstanden, da die Feline Infektiöse Peritonitis (FIP) in der Newsgruppe de.rec.tiere.katzen häufig thematisiert wird und es hierbei immer wieder zu Mißverständnissen kommt. Deshalb möchte ich versuchen, etwas Licht in diese ungewöhnliche Erkrankung zu bringen.

Sofern nicht anders angegeben, stützt sich der nachfolgende Text auf zwei Fachbücher der Veterinärmedizin [1,2] und eine Dissertation [3].

Ich möchte noch darauf hinweisen, daß ich kein ausgebildeter Tierarzt bin und mir die in diesem Text genannten Fakten durch das Studium von Fachliteratur angeeignet habe. Sollte jemand einen fachlichen Widerspruch finden, so bitte ich um eine kurze Nachricht. Dieser Text erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, auch soll und kann er keine fachgerechte Beratung und Betreuung durch eine Tierärztin oder einen Tierarzt ersetzen. Ich übernehme keinerlei Haftung für die Richtigkeit der Informationen.

1. Einleitung

Die feline infektiöse Peritonitis ist eine Infektionserkrankung, die nicht sicher nachgewiesen werden kann, vor der es keinen zuverlässigen Schutz gibt und für die keine Behandlungsmöglichkeiten bekannt sind. Sie führt immer zum Tod der Katze. Am häufigsten erkranken junge Katzen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren und ältere Tier ab 14 Jahren.

Man kennt zwei verschiedene Verlaufsformen, die trockene FIP und die feuchte FIP. Bei letzterer kommt es wegen des entzündeten Bauchfells, Herzbeutels und Brustfells zu massiven Ergüssen in die entsprechenden Körperhöhlen. Dies führt zum typischen „Wasserbauch“ (siehe Abbildung 1 in [4]). Bei der trockenen Form bleiben Flüssigkeitsabsonderungen der entzündeten Organe aus. Allerdings werden auch Mischformen beider Verlaufsformen der FIP beobachtet.

Die Krankheitserscheinungen beim Ausbruch einer feuchten FIP sind vielfältig: Meist verweigert die Katze die Nahrung, magert ab und sieht ganz offensichtlich krank aus. Dann kommt es zu einer starken Zunahme des Bauchumfanges, und Fieber setzt ein. Die trockene FIP wird von weniger klaren Symptomen begleitet: Auch hier treten Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust ein. Darüber hinaus beobachtet man häufig Blutarmut, Gelbsucht und manchmal Probleme mit den Augen und dem Nervensystem.

2. Wie entsteht eine FIP?

Es ist für das Verständnis des folgenden Textes äußerst wichtig, sich folgenden Sachverhalt einzuprägen: Man kennt zwei fast identische Coronaviren bei der Katze: das völlig harmlose feline enterale Coronavirus (FECV) und das aus diesem durch Mutation hervorgegangene bösartige FIP-Virus (FIPV). Beide Viren sind genetisch so nahe verwandt, daß sie sich nur durch äußerst aufwendige molekularbiologische Methoden auseinanderhalten lassen. Deshalb faßt man auch beide Viren zu den felinen Coronaviren (FCoV) zusammen.

Das FECV kann man überall und in großer Zahl in der Umwelt antreffen, weshalb sich auch viele Katzen damit infizieren. Die Aufnahme erfolgt über Mund oder Nase bei Kontakt mit infiziertem Kot oder über FECV-verunreinigte Gegenstände. Sogar der Mensch kann das Virus transportieren und auf die Katze übertragen [5]. Häufig infizieren virustragende Katzenmütter ihre Welpen.

Meist bekommt der Katzenhalter von der FECV-Erstinfektion überhaupt nichts mit, manchmal kann er einen leichten Durchfall beobachten. Das FECV vermehrt sich im Darm und wird dort vom Immunsystem wirksam mit Antikörpern bekämpft. Nur in wenigen Fällen kommt es zu einer kompletten Eliminierung der FECV; zumeist bleiben Virus und Antikörper im Körper existent und halten sich die Waage. Nur sehr wenige Katzen scheiden das FECV längerfristig oder sogar dauerhaft mit ihrem Kot aus.

Wie bereits erwähnt, vermehren sich die FECV im Darm. Hierbei kommt es häufig zu Mutationen [6], aber nur sehr wenige dieser Mutationen sind auch gefährlich, und zwar nur diejenigen, die das Virus befähigen, eine spezielle Form der weißen Blutkörperchen (Monozyten) und sogenannte Freßzellen des Immunsystems (Makrophagen) zu infizieren. Diese Mutanten sind die sogenannten FIP-Viren. Sie sind immer noch Coronaviren, nun aber aggressive Varianten der einstmals harmlosen FECV.

Man weiß heute, daß genau diese mutierten FIPV für die Erkrankung FIP verantwortlich zeichnen. Welche Mechanismen letztlich zum Ausbruch der FIP führen, ist noch nicht gänzlich geklärt. Die derzeit vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse deuten auf folgendes Szenario hin:

Eine körperlich gesunde Katze reagiert nach einer FECV-Infektion mit einer funktionierenden Immunantwort, die die infizierten weißen Blutkörperchen (Monozyten) und die Freßzellen (Makrophagen) in Schach zu halten vermag. In einer kleinen, sozial stabilen Katzenpopulation wird diese Katze sehr viele Jahre leben und wahrscheinlich niemals an FIP erkranken.

Zu Problemen kommt es bei Störungen dieses Gleichgewichtes, sei es durch Streß in großen Katzenpopulationen, sei es durch Erkrankungen, die das Immunsystem direkt schwächen (FIV oder „Leukose“), sei es durch Umzug in eine neue Umgebung oder durch Streß nach Operationen. Aufgrund des geschwächten Immunsystems können sich die FECV nun stark vermehren. Damit erhöht sich gleichzeitig die Anzahl der vermehrungsbedingten Mutationen, was wiederum die Bildung gefährlicher FIPV-Mutanten wahrscheinlicher macht – und diese können nun ungestört in den weißen Blutkörperchen (Monozyten) und Freßzellen (Makrophagen) den Darm verlassen und sich im ganzen Körper ausbreiten.

Damit nimmt die tödliche Erkrankung FIP ihren Lauf. Man nimmt derzeit an, daß sich bei einem nicht gänzlich zusammengebrochenen Immunsystem die trockene FIP ausbildet, während ein völlig zusammengebrochenes Immunsystem zur nassen Form führt.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Eine Katze inifziert sich nicht mit FIPV, sondern mit FECV. FIPV entstehen durch Mutation in der Katze. Diese werden nur dann gefährlich, wenn ein geschwächtes Immunsystem nicht verhindern kann, daß sie sich stark vermehren und den Darm verlassen.

Darüber hinaus wird eine genetisch bedingte Veranlagung zur Ausbildung einer FIP diskutiert; das heißt, es könnte sein, daß manche Katzen erblich bedingt anfälliger für FIP sind als andere.

3. Kann man eine FIP nachweisen?

Es gibt ein im Zusammenhang mit FIP weit verbreitetes Mißverständnis, und das betrifft den „FIP-Titer“. Ein Titer ist ein Maß für die Menge vorhandender Antikörper im Blut. Je größer der Titer ist, desto mehr Antikörper wurden gefunden. Ein Titer von 1:10.000 bedeutet, daß die Blutprobe auf das 10.000-fache verdünnt werden mußte, bevor der Antikörper nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Demnach zeigt ein Titer von 1:10 wesentlich weniger Antikörper im Blut an als ein Titer von 1:10.000.

Mit den zuvor beschriebenen Ursachen für die Erkrankung FIP wird sofort ersichtlich, worin das Mißverständnis liegt: Es kann gar keinen „FIP-Titer“ geben, es kann nur einen Titer geben, der die Antikörper gegen die harmlosen FECV mißt. Der „FIP-Titer“ müßte also korrekterweise als Coronavirus-Titer bezeichnet werden. Leider hält sich der unzutreffende Name hartnäckig und verführt immer wieder zu der falschen Schlußfolgerung, ein hoher Titer sei nahezu gleichbedeutend mit FIP.

Was aber kann ein positiver Titer wirklich anzeigen?

  1. Die Katze macht gerade eine harmlose FECV-Infektion durch.
  2. Die Katze hat irgendwann einmal eine FECV-Infektion durchgemacht und/oder trägt harmlose FECV in sich.
  3. Die Katze wurde mit Primucell geimpft (siehe unten).
  4. Die Katze hat eine akute FIP.

Ein positiver Titer kann also schon eine Reihe harmloser Ursachen haben. Hinzu kommt, daß selbst Katzen mit einem negativen Titer, d.h. ganz ohne Antikörper im Blut, akut an FIP erkrankt sein können. Damit dürfte klar sein, wie wenig aussagekräftig der Titer tatsächlich ist.

Man forscht gegenwärtig verstärkt nach eindeutigen Nachweismethoden für mutierte FIPV. Wegen der sehr großen ähnlichkeit zu den harmlosen FECV gestaltet sich dies als äußerst schwierig. Sowohl auf Basis der Viren selbst als auch auf Basis der Antikörper gelingt es bisher keiner überprüften Methode, beide Viren eindeutig nachzuweisen bzw. zu unterscheiden.

Weiter hat man versucht mit einem sogenannten FIP-Profil, d.h. anhand verschiedener Blutparameter, eine ausgebrochene FIP nachzuweisen. Leider ermöglicht aber auch dieses Profil keine eindeutige Diagnose.

Selbst bei einer ausgebrochenen nassen FIP kann man eine Diagnose nicht mit absoluter Sicherheit stellen. Es gibt zwar Methoden zur Untersuchung von Flüssigkeitsproben aus dem Bauchraum, die eine Diagnose sehr wahrscheinlich werden lassen. Hundertprozentig sicher sind sie jedoch auch nicht.

Fazit: Es gibt derzeit keinen eindeutigen Nachweis einer FIP-Erkrankung.

4. Kann man eine Katze vor FIP schützen?

Nach dem oben beschriebenen Szenario zur Entstehung einer FIP ist es verständlich, daß ein Impfschutz darauf abzielen muß, eine Infektion mit den harmlosen FECV zu verhindern.

Anfangs glaubte man, diesen Schutz über die üblicherweise ausgelöste Antikörperbildung im Blut aufbauen zu können. Dummerweise beschleunigten aber ausgerechnet die Antikörper bei einer nachfolgenden Infektion einen Ausbruch der FIP [7].

Seit 1991 ist eine Schutzimpfung gegen FIP auf dem Markt, die diese Komplikation vermeiden soll. Der Impfstoff heißt Primucell®, wird von der Firma Pfizer produziert und direkt in die Nase der Katze geträufelt. In diesem Impfstoff kommt ein manipulierter FIPV-Stamm zum Einsatz, der sich nur bei Temperaturen um 31° C vermehren kann, nicht aber bei der normalen Körpertemperatur der Katze von 39° C. Mit diesem Trick will man verhindern, daß das FIPV vom Impfstoff in den Körper gelangt, sich dort vermehrt und somit böse Folgen haben kann.

Es soll also lediglich eine Antikörperbildung in den Haupteintrittspforten der FCoV angeregt werden: in den Schleimhäuten der Nase, des Mundes und des Rachens. Diese Antikörper sollen rein lokal wirken und nicht in den Blutkreislauf gelangen, was aber leider trotzdem gelegentlich passiert und damit zu einem meßbaren Coronavirus-Titer führt.

Die Wirksamkeit dieser Impfung wird in der Fachwelt äußerst kontrovers diskutiert. Weitgehend einig ist man sich darüber, daß eine Impfung nur für Katzen zu empfehlen ist, die noch nie Kontakt mit Coronaviren hatten. Aber selbst dann liegt die Schutzwirkung bei deutlich unter 100 Prozent.

FIP ist vor allem in größeren Katzenbeständen ein Problem, also in Tierheimen und Katzenzuchten, da dort sehr viel mehr Katzen mit Coronaviren Kontakt hatten, als dies bei Katzen in Einzelhaltung ohne Freigang der Fall ist.

Speziell für Katzenzuchten wurde ein Frühabsetz-Programm entwickelt [8], das im wesentlichen darauf beruht, Katzenwelpen nach der sechsten Lebenswoche von ihrer Mutter zu trennen, also zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihren Schutz durch die Muttermilch verlieren. Die Welpen werden dann bis zu ihrer Abgabe in der 16. Lebenswoche zusammen, aber isoliert von allen erwachsenen Tieren gehalten. Dadurch läßt sich eine Infektion mit Coronaviren durch erwachsene Katzen erfolgreich vermeiden. Eine groß angelegten Studie hat jedoch gezeigt, daß selbst eine Impfung mit Primucell® solcher Welpen im Alter von neun und zwölf Wochen keinen Schutz vor einer Infektion mit Coronaviren gewährleisten konnte [9].

FCoV werden über den Kot ausgeschieden. Da sie im getrockneten Kot mehrere Wochen lang überleben können, ist eine penible Katzenklo-Hygiene eine gute Schutzmöglichkeit.

5. Literaturzitate

[1] W. Kraft/U. M. Dürr, „Katzen-Krankheiten“, Schaper Verlag, Hannover 1996
[2] V. Schmidt/M. Horzinek, „Krankheiten der Katze, Band 1+2“, Enke Verlag, Stuttgart 1997
[3] http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/liessmannk_2000.pdf
[4] http://www.vetscite.org/cgi-bin/pw.exe/vst/reviews/txt_index_0800.htm
[5] N.C. Pedersen, in „Virus infections of carnivores“, 267 (1987), Elsevier Science Publishers, Amsterdam
[6] Die Mutationsrate liegt bei einer Mutation pro 10.000 bis 100.000 Basenpaare. Da die genetische Information der FCoV auf 30.000 Basenpaaren kodiert ist, kann es bei jeder Vermehrung zu bis zu drei Auslesefehlern, sprich Mutationen kommen.
[7] Dieses Phänomen wird auch antibody dependant enhancement genannt. Das heißt, die durch die Impfung entstandenen Antikörper führen im Fall einer nachfolgenden Infektion zu einem schnelleren und leider auch stärkeren Ausbruch der FIP.
[8] N.C. Pedersen, Feline. Pract., 23, 108 (1995)
[9] http://www.vet.unizh.ch/dissertationen/dissertationen_1998/gut_m.html